Gedanken zur Jahreslosung 2012
„ Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2.Korinther 12,9)
Ein Gegensatzpaar steht im Mittelpunkt dieses kurzen Satzes, der uns als Jahreslosung durch das neue Jahr begleiten soll.
Da steht auf der einen Seite `Kraft´.
Kraft hat für uns ganz viel zu tun mit Vitalität und mit Leben. ´Damit sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können`, der eine oder andere kennt diesen Satz vielleicht noch aus der Werbung.
Kraft hat zu tun mit Energie. Ein Kraftwerk produziert Energie.
Mit Kraft kann ich Dinge bewegen und voranbringen. Da steht ein defektes Kraftfahrzeug an der Straße, und dann kommen vier junge Männer, krempeln die Ärmel hoch und schieben es weg.
Kraft kann Hindernisse beseitigen. Die klemmende Tür wird aufgestoßen.
Mit Kraft kann man versuchen, sich Respekt zu verschaffen. Durch medienwirksame Militärparaden. Durch Muskelspiele, die den anderen einschüchtern sollen.
Wir merken dabei: Neben ihrer positiven Wirkung kann Kraft auch eine zerstörerische Seite entfalten. Aber bleiben wir heute mal bei der positiven Seite.
Kraft hat für uns also ganz viel zu tun mit Leben und Vitalität, mit Energie und Bewegung. Wenn wir jemandem zum Geburtstag gratulieren, sagen wir manchmal: Ich wünsche dir viel Kraft für dein neues Lebensjahr. Das scheint ganz wichtig zu sein, dass wir Kraft haben, und wenn Kräfte nachlassen, kann das einen schweren Einschnitt bedeuten. Da kann jemand nach einer schweren Erkrankung viele Dinge nicht mehr so tun wie bisher – das war sehr schwer für ihn zu akzeptieren, dass die Kraft nicht mehr in dem Maße da ist.
Kraft hat mit Leben und Vitalität zu tun, mit Energie und Bewegung. All das scheint ja auch für den Glauben zu gelten. Wir wünschen uns einen starken und kraftvollen Glauben. Einen Glauben, der Berge versetzt. Und natürlich – einen starken und kraftvollen Gott. Jesus war damals so lange beim Volk beliebt, wie man an ihm Kraft wahrnahm. Starke Worte. Starke Wunder. Starke Auftritte. Das hat Menschen angezogen.
Kraft – wer wünscht sie sich nicht. Im alltäglichen Leben. Bei besonderen Herausforderungen. Im Glauben. Kraft.
Im Gegensatz dazu steht Schwäche. Wer ist schon gerne schwach?
Schwäche – da ist etwas defizitär. Da ist etwas nicht so, wie es sein sollte.
Schwäche verbinden wir oft mit Mangel oder mit mangelhaft. Wenn zum Beispiel die Stiftung Warentest Produkte testet und dann bei einem Produkt Schwächen feststellt, dann sind damit meist Qualitätsmängel gemeint. Das Ding ist nicht stabil. Nicht leistungsfähig. Es hat Schwächen, und Schwächen wollen wir nicht.
In der Pädagogik geht es darum, Kinder stark zu machen. Schwache Kinder werden schnell zu Opfern.
Im Blick auf die Gesundheit wird Schwäche geradezu gefürchtet. Nein, Schwäche wollen wir nicht, und wenn Menschen dennoch schwach sind oder wenn Schwäche offenbar wird, dann sagen wir vielleicht: Wir lieben dich trotzdem! Oder wir sagen: Der Herr liebt dich so, wie du bist. Und meinen damit: trotz deiner Schwächen. Sagen wir das auch zu den Starken und Begabten: Der Herr liebt dich trotzdem?
Schwäche wollen wir nicht. Auch im Glauben nicht. Ein schwacher Glaube – nein! Gar ein schwacher Gott – nein! Das ist peinlich. Ein Jesus, der sich nicht wehrte, als er verhaftet wurde. Ein Jesus, der nicht kämpft. Ein Jesus, der hilflos und schwach am Kreuz hängt. Einen solchen Jesus wollte man nicht. Da haben sich viele dann doch lieber abgewandt. Schwäche wollen wir nicht. Auch nicht im Glauben. Ein Christ hat siegreich und stark zu sein, an ihm muss doch die Kraft des Auferstandenen ablesbar sein. Ein Christ, der schwach ist, ist doch eine Blamage für Gott.
Nun, genau solche Vorwürfe haben die Christen in Korinth damals dem Apostel Paulus gemacht. Paulus, wenn du wirklich ein Beauftragter des Herrn wärst, dann wärst du kraftvoll, stark und gesund. Paulus, wenn du wirklich ein Gesandter des Herrn wärst, dann würdest du nicht soviel Leid und Verfolgung erleben. Dann würdest du nicht von Krankheit geplagt sein. Dann wärst du nicht so ein Hutzelmännchen, das nichts darstellt. Paulus, warum sollten wir dich ernst nehmen? Da gibt es andere, die viel mehr zu bieten haben. Die ein ganz anderes Auftreten haben. Aber du? Du hast für uns keine Autorität, schwach wie du bist.
Paulus treffen diese Vorwürfe. An manchen Dingen leidet er ja auch selber. Immer wieder hat er mit Gott im Gebet gerungen, Gott möge doch Abhilfe schaffen, Gott möge die Schwachheit nehmen und in Kraft verwandeln. Und wie oft werden auch wir solche Gebete sprechen im Blick auf Schwachheit in unserem Leben, körperliche wie psychische Schwachheit oder auch Beeinträchtigungen, die die Lebensumstände mit sich bringen. Paulus ringt mit Gott. Er will nicht Schwachheit, er will Kraft und Stärke.
Paulus bekommt eine Antwort. Es ist der erhöhte Christus, der ihn anspricht: ´Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.`
Lass dir an meiner Gnade genügen – das heißt nicht: Gib dich zufrieden. Es ist, wie es ist. Nein, Jesus leitet in seiner Antwort einen grundsätzlichen Perspektivwechsel ein. Er wertet unsere Werte um. Er macht deutlich: Schwachheit und Schwäche sind kein Makel und kein Manko. Sie sind im Gegenteil die beste Voraussetzung dafür, dass sich meine Kraft entfalten kann. Sie kommt nämlich gerade dort zum Ziel, wo du Mensch mit leeren Händen vor mir stehst und sagst: Tut mir leid, Gott, ich kann nicht. Und Gott antwortet: Aber ich! Vor allem da, wo du nicht ständig meinst, mit deiner Weisheit und deinem Können alles selber mit Bravour zu meistern.
Wenn wir ins Neue Testament hineinschauen, dann sehen wir, dass Schwachheit eben kein Betriebsunfall ist, sondern irgendwie im Reich Gottes ihren Platz hat. Die Mitarbeiter, die sich Jesus ausgesucht hatte, waren samt und sonders Menschen mit deutlich wahrnehmbaren Schwachheiten und Schwächen. Der eine, der immer vorpreschte und den Mund zu voll nahm. Der andere, der es gewohnt war, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Der nächste, der in die eigene Tasche wirtschaftete. Aber genau mit diesen Leuten wollte Jesus sein Reich bauen. Nicht mit den perfekten Multitalenten, den Makellosen und den Strahlemännern, sondern mit denen, deren Begrenztheit deutlich sichtbar war. Wie eben offenbar auch bei Paulus.
Unsere Schwachheiten und Begrenzungen sind eine große Chance, dass sich die Kraft Gottes entfalten kann. Gerade am Kreuz wird doch deutlich, dass Gott in der größten erdenklichen Schwachheit seine größte erdenkliche Kraft entfaltet hat. Schwachheit ist kein Zeichen für Gottes Abwesenheit, sondern hier kommt seine Kraft erst voll zur Wirkung.
Jetzt könnte an dieser Stelle freilich ein Missverständnis entstehen, dass Gott nämlich mit starken Menschen gar nichts anfangen könne. Sei bloß froh, wenn du so richtig auf dem Zahnfleisch kriechst … Nein! Es geht nicht darum, Schwachheit zu glorifizieren oder Schwache in den Adelsstand zu erheben. An diesem Missverständnis ist Luther mit seiner Übersetzung mit schuld, denn er personalisiert das Wort ´Schwäche` oder ´Schwachheit`, und so werden aus den Schwächen die Schwachen. Das steht aber nicht im ursprünglichen Bibeltext. Es geht nicht um eine Bevorzugung von schwachen Menschen. Es geht um Gottes Wirken in den Schwächen und Schwachheiten der Menschen, der schwachen wie der starken Menschen. Da wo ich auf meine Schwachheit und Grenzen schaue, braucht mich das nicht zu entmutigen. Gerade hier darf ich Erfahrungen der Gnade und der Kraft Gottes machen. Gerade hier darf ich erfahren, wie er mir die Kraft gibt, mit meiner Schwachheit umzugehen. Gerade hier darf ich erfahren, wie er handelt und wie meine Schwachheit kein Hindernis für ihn ist. Die Bibel ist voll von solchen Beispielen: David und Goliath. Mose, der nicht reden kann. Petrus, der den Herrn verleugnet. Und viele andere mehr. Nein, Schwachheit ist kein Makel.
Die Jahreslosung für das neue Jahr darf uns an dieser Stelle ganz viel Mut machen. Mancher sagt sich: Was kann ich schon ausrichten? Wie kann ich schon meinen Glauben mit meinem Alltag in der Firma, an der Werkbank, in der Uni, in der Schule oder in der Familie verbinden? So manches Unvermögen steht mir da im Wege. Gerade hier darf uns dieses Bibelwort eine Ermutigung sein - und ein gutes Vorzeichen vor unserer Initiative ´Glaube am Montag`: Nicht du musst der tolle Hecht und der Glaubensheld sein, du darfst zu deinem Schwachsein stehen, Jesus die leeren Hände hinhalten und ihn einladen, dass er etwas daraus macht. Und dann wirst du staunen, wie Jesus Worte schenkt, Türen öffnet und sich Dinge tun, von denen du weißt: Das war jetzt nicht mein Verdienst. Hier ist Gottes Kraft zum Ziel gekommen.
Unsere Jahreslosung ist aber auch eine Mahnung für die, die allzu sehr von ihrer eigenen Stärke überzeugt sind und für die die Stärke zu ihren Idealen gehört. Jesus macht deutlich: Bei mir gelten andere Werte als in dieser Welt.
´Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zum Ziel.`
Frank Wegen

